16.5.14

Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau

von Dimitri Verhulst

Was macht ein über 70-Jähriger ehemaliger Bibliothekar, der mit einer Frau zusammenlebt, die er nicht liebt und die ihn sein Leben lang schikaniert hat, dessen Kinder ihm fremd geworden sind, um dieser Hölle zu entkommen? Er entwickelt einen Plan: er spielt den Demenzkranken. Der erste Schritt seines Plans: Bei einem Essen mit der Familie wird er in die Konditorei geschickt, um eine Torte zu kaufen. Nach eineinhalb Stunden kommt er mit einem Toaster zurück. Tage später geht er in eine Boutique und probiert neue, ziemlich extravagante Kleider, mit denen er ohne zu bezahlen in der Stadt herumspaziert. Die Polizei greift ihn auf, muss ihn aber frei lassen, da er nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Schließlich wird er offiziell für dement erklärt. Besteht den MMST nicht, den Mini-Mental-Status-Test. Schließlich kommt er in das Pflegeheim mit dem bezeichnenden Titel „Winterlicht“. Wo es ein Stück Straße mit einer fiktiven Bushaltestelle gibt, an der nie ein Bus hält. Dort warten jene Patienten, die abhauen wollen, auf den Bus. Die Pfleger müssen sie dort nur mehr einsammeln und zurückbringen. Aber der Bibliothekar trifft dort Rosa Rozendaal, seine Jugendliebe, wieder. Leider leidet sie an Arteriosklerose. Ihretwegen beteiligt er sich sogar an dämlichen Gesellschaftsspielen. Die Kinder besuchen ihn nicht mehr. Sie sagen ganz unverblümt, dass er sie sowieso nicht erkenne. Von den Nachbarn und früheren Freunden besucht ihn auch niemand. Seine Frau zieht in eine kleinere Wohnung in die Stadt. Und natürlich ist der Tod allgegenwärtig. Auch Rosa stirbt. Der Schluss bleibt offen und soll an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden.

Mein Fazit: Der Roman lebt von der genialen Idee, dass ein vollkommen gesunder alter Mann sich dement stellt. Er darf – so wie ein Kind oder die Surrealisten – all das tun, worauf er Lust hat, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Er durchschaut seine Familie und die Mitmenschen, die ihn schon bald abgeschrieben haben und wie ein kleines Kind behandeln, er kritisiert schonungslos die Zustände und die Maschinerie in Pflegeheimen (wie zum Beispiel die Zwangsernährung). Die Toten werden entsorgt "wie Schmuggelware". Das Buch ist zum Brüllen komisch und zugleich tieftraurig. Störend ist lediglich der Titel, den sich der Verlag ausgedacht hat. Dahinter steckt wohl eine Marktstrategie: man will wohl auf der Erfolgswelle des „Hundertjährigen, der …“ mitschwimmen. Das flämische Original trägt den passenderen Titel: „De Laatkomer“, was man mit „Nachzügler“ oder „Jemand, der zu spät kommt“ übersetzen könnte.

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