10.6.22

Die Gäste

von Katharina Hacker
Februar 2022 (S. Fischer), 256 Seiten

Die Hauptfigur des Romans wird am Tag ihres 50. Geburtstags zum Notar ihrer Großmutter beordert. Diese ist verstorben und hat der Enkelin ein ziemlich heruntergekommenes Café vermacht. Knall auf Fall beschließt die Erbin, das Café, das zurzeit verpachtet ist, zu übernehmen und selbst zu führen. Ihren Job in einem Institut, das seltene Wörter sammelt, kündigt sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Dann zieht sie ins Café. Ihre Wohnung behält sie zwar, ist aber kaum mehr dort. Sie übernachtet in einem Ohrensessel im Café. Kasia, eine resolute Polin, die längst in Deutschland wohnt, aber immer wieder von Berlin nach Polen pendelt, weil ihr Bruder nicht ganz zurechnungsfähig ist, hilft der Erbin, so wie sie dem Pächter geholfen hat. Sie vermittelt einen Handwerker, ebenfalls polnischer Abstammung, der das Café auf Vordermann bringt. Die beiden kümmern sich um die Erbin, die ein wenig verloren, ein wenig planlos wirkt und deren Lebensinhalt plötzlich darin zu bestehen scheint, dass Gäste kommen.

Die Gäste kommen denn auch, und es sind ganz unterschiedliche Menschen; manche nicht besonders nett, andere freundlicher, manche betreiben finstere Geschäfte im Café, andere sitzen einfach nur da. Viel Geld lässt sich nicht machen. Doch das stört die Hauptfigur, deren Namen die Leserin nicht erfährt, überhaupt nicht. Sie ist zufrieden. Freilich birgt das Café Geheimnisse: Eine Luke führt in den Keller, und dort gibt es Ratten, die sich wie Menschen benehmen. Auch angezogen sind sie, und offensichtlich herrscht bei den Ratten eine Diktatur, denn es einige Ratten werden mir nichts dir nichts erschossen, gehängt, irgendwie umgebracht. Auch im verwilderten Hinterhof geht es nicht mit rechten Dingen zu: Dort wohnen Tieren, ein altes Pferd, Kaninchen, Katzen, Eichhörnchen. Die Erbin wagt sich kaum in den Hinterhof. Auch ein Mann scheint dort zu leben. Doch weder die Tiere noch der Mann werden gesehen, nur ab und zu gibt es Spuren von ihnen. Außerdem gibt es Scharfschützen, die sich von Dach zu Dach hangeln und Menschen auf der Straße erschießen. Das scheint zum ganz normalen Alltag zu gehören. Niemand wundert sich, alle nehmen es hin, als handle es sich um ein Naturphänomen. Spätestens bei der ziemlich beiläufigen Erwähnung dieser Scharfschützen wird die Leserin stutzig: In welcher Zeit befinden wir uns? Es ist jedenfalls Berlin, in der die Geschichte spielt. Aber sonst? Das Leben ist jedenfalls nicht mehr so, wie wir es kennen. Die Autorin zeichnet ein verschwommen eigenartiges Bild des Alltags und der Hauptfigur, die sich durchaus unkonventionell verhält. Doch das tun auch die anderen Figuren des Romans: Die Gäste sind ebenso skurril wie die Eigentümerin der Bar selbst; und skurril sind auch Kasia und der polnische Handwerker. Auch die Atmosphäre ist skurril, nicht direkt beängstigend, aber auch nicht wirklich beruhigend. Irgendetwas stimmt nicht, was genau, erschließt sich nicht.

Mein Fazit:
Ein interessantes, stimmungsvollen Buch mit sympathischen Charakteren, das wohl in einer nicht allzu fernen Zukunft spielt. Aber vielleicht liege ich mit dieser Vermutung auch ganz falsch.

Sonja Hartner, Stadtbibliothek Bruneck

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