7.1.22

Der Himmel vor hundert Jahren

von Yulia Marfutova
März 2021 (Rowohlt), 192 Seiten

Die Handlung des Buches ist schnell erzählt: Ein junger Mann, Wadik, taucht in einem Dorf auf, das irgendwo in Russland liegt. Niemand weiß, woher er kommt, was es mit ihm auf sich hat. Wadik selbst schweigt.

Er erzählt nichts über seine Vergangenheit; überhaupt erzählt er wenig, spricht wenig, beschränkt sich darauf, dem Dorfältesten Ilja zu assistieren, wenn dieser mit Hilfe eines Glasröhrchen die Zukunft voraussagt. Die Dorfbewohner freilich nehmen das hin, so wie sie es hinnehmen, dass von Zeit zu Zeit der Aufseher des Grundherrn vorbeischaut, um die Steuern und sonst noch wer weiß was alles einzutreiben. Dass die Zeiten der Grundherrschaft vorbei sind, dass die Herrschaft des Zaren zu Ende ist, das weiß das Dorf nicht. Auch Iljas Glasröhrchen bleibt diesbezüglich seltsam stumm. Die Zeit scheint still zu stehen im Dorf. Doch Wadik, ausgerechnet Wadik, entpuppt sich plötzlich als einer, der Ideen hat. Und was für Ideen - da hört das Dorf dann doch zu, wenn Wadik von seinen Ideen erzählt, die von irgendwo weither zu kommen scheinen und von einer Revolution erzählen, von noch nie Dagewesenem, von Freiheit und dem Ende der Ausbeutung. Dass dann zwei ins Dorf kommen, die für das Neue stehen und das Alte fortführen, das verwundert das Dorf dann doch ein wenig, aber man nimmt auch dies gelassen hin, bis Ilja, der ja nicht von ungefähr Dorfältester ist, für das Verschwinden der beiden Neuen sorgt.

Mein Fazit:
Ein poetisches Buch, das in einer Sprache, die sehr an Siegfried Lenz’ „So zärtlich war Suleyken“ erinnert, die Geschichte eines vergessenen Dorfes erzählt.

Sonja Hartner, Stadtbibliothek Bruneck

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