5.8.22

Zukunftsmusik

von Katerina Poladjan
Februar 2022 (S. Fischer), 192 Seiten

Die Autorin erzählt von den Bewohner*innen einer Kommunalka, sprich Gemeinschaftswohnung, in einer Stadt in Russland im Jahre 1985, das Jahr, das den Beginn einer Zeitenwende markierte, von der noch niemand etwas ahnte. In der Kommunalka wohnen in den zugewiesenen Zimmern, die je nach Anzahl der Familienmitglieder bzw. Verdienst der Person etwas größer oder kleiner sind, eine Reihe von Menschen, die alle ein wenig skurril und eigen sind.

Da sind die vier Frauen: Urgroßmutter, Großmutter, Mutter und Tochter, alle in einem Zimmer. Janka, die Mutter, noch sehr jung, mit Ambitionen: Sie spielt Gitarre und singt und träumt davon, berühmt zu werden. Sie hat eine kleine Tochter, dessen Vater unklar ist, Andrej oder doch der schwule Pawel? Andrej jedenfalls hat ihre Gitarre beschädigt, nun soll Pawel eine neue besorgen. Doch niemand hat Geld. Pawel hat allerdings einen Einfall, der, so weiß die Leserin, kein guter ist. Er meldet sich für einen Versuch an, den ausgerechnet Matwje, treuer Kommunist und Genosse und ebenfalls Einwohner der Kommunalka, leitet. Matwje ist in Maria, Jankas Mutter, verliebt, wenn denn das der richtige Ausdruck ist. Und Warwara, die Urgroßmutter, hat ein Verhältnis mit dem Mann einer anderen Frau. Das Ehepaar wohnt ebenfalls in der Kommunalka, in der auch noch die Karisen wohnen, die man aber nie sieht. Das Buch endet etwas surreal: Alle verlassen ganz plötzlich das Haus, es soll abgebrochen werden. Nur Janka findet sozusagen einen Hinterausgang: Dort, wo die Karisen ihr Zimmer hatten, tut sich eine Tür auf: „Dahinter tat sich eine Landschaft auf. Die Sonne stand tief über dem Wasser des schwarzen Flusses, auf der anderen Seite leuchtete die Fabrik von elektrischem Schein umkränzt, davor das abschüssige Ufer. Es war warm wie an einem Sommerabend, und doch lagen zwischen den Hügeln auf den Rasenflächen Schneereste. … Lange stand Janka da und schaute, war glücklich wie eine Genesende, die nach langer Krankheit zum ersten Mal nach draußen tritt und einen kühlen Wind auf der Haut spürt. Sie winkte den Karisen zu, die zwischen den Hügeln davon zogen, und verbeugte sich tief.“ (S. 185)

Mein Fazit:
Fazit: Auch wenn die Handlung nun in groben Zügen bekannt ist, weil ich sogar das Ende verraten habe, lohnt es sich, das Buch zu lesen. Denn es lebt von seinen Charakteren, von der Stimmung, die die Autorin mit ihrer Erzählung zu erzeugen versteht, ein bisschen nostalgisch, ein bisschen surreal, ein bisschen traurig-depressiv.

Sonja Hartner, Stadtbibliothek Bruneck

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