9.6.23

Das Café ohne Namen

von Robert Seethaler
April 2023 (Claassen), 288 Seiten

Schauplatz des neuen Romans von Robert Seethaler ist der 2. Wiener Bezirk in den sechziger und beginnenden siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die Trümmer des Zweiten Weltkriegs sind noch sichtbar, aber es herrscht auch Aufbruchstimmung, an allen Ecken und Enden wird gegraben und gebaut.

Die Hauptfigur ist Robert Simon. Er hat seine Eltern früh verloren, ist bei den Barmherzigen Schwestern aufgewachsen und hat die Schule mit Fünfzehn verlassen. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Gelegenheitsarbeiter, bis er beschließt, eine aufgelassene Gastwirtschaft zu pachten und ein Café zu eröffnen. Das Angebot im Café ist bescheiden, aber schon bald wird das Lokal zum Treffpunkt vieler, die am Karmelitermarkt in der Leopoldstadt arbeiten, dort ihre Geschäfte haben oder in der Gegend wohnen. Es ist eine arme Gegend, seine Gäste gehören nicht zu jenen, die vom Wiederaufbau profitieren. Nach und nach lernen wir die Menschen kennen, für die das Café zu einem wichtigen Bezugspunkt wird. Wir lernen den Metzgermeister kennen, der in der Nähe des Lokals ein Geschäft hat und Simons Freund ist. Da gibt es die Händlerin Heide und den Maler Mischa, deren Beziehung von heftigen Auseinandersetzungen geprägt ist. Eine wichtige Rolle spielt Mila, die Simons Mitarbeiterin wird, da die Textilfabrik, in der sie gearbeitet hat, schließen muss. Der Heumarkt-Ringer René Wurm verliebt sich in sie und wirbt recht tollpatschig um ihre Gunst. Zehn Jahre nach der Eröffnung muss das Café schließen, da Spekulanten das Haus übernehmen und den Mietvertrag nicht verlängern.

Mein Fazit:
Robert Seethaler beschreit auch in diesem Roman das Leben, die Hoffnungen und Ängste der einfachen Menschen. Seine Figuren haben es nicht leicht, sie sind auf der Suche nach ihrem Platz im Leben. Der Autor erzählt ihre Geschichte mit viel Einfühlungsvermögen.

Empfehlung:
Ein Muss für alle Seethaler-Fans! Und allen zu empfehlen, die einen unaufgeregten Erzählstil lieben. Für alle Bibliotheken geeignet.

Mathilde Aspmair

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