16.9.16

Was ich sonst noch verpasst habe

von Lucia Berlin

Lucia Berlin ist die große Unbekannte der amerikanischen Literatur. Sie ist 1936 in Alaska geboren und 2004 gestorben. Zu ihren Lebzeiten sind einige Erzählbände in kleinen Verlagen erschienen. Dies ändert sich schlagartig, als 2015 in Amerika (und 2016 in Deutschland) ihr Buch erscheint. Was ist das Buch? Eine Sammlung von Kurzgeschichten? Erzählungen? Ein Roman? Von allem etwas. Es sind klassische Short Stories, die zusammen gehören und die in ihaer Gesamtheit vom Leben der Autorin erzählen. So hat man am Schluss einen Roman über das Leben der Autorin gelesen. Leben und Schreiben gehören bei ihr untrennbar zusammen. Es sind vor allem zeitlose Geschichten. Als Tochter eines Bergbauingenieurs wuchs sie in den Minenstädten der Rocky Mountains auf. Die Familie wechselt sehr oft den Wohnsitz. Als der Vater in den Zweiten Weltkrieg zieht, zieht die Mutter nach El Paso, nach dem Krieg zieht die Familie nach Chile. Sie studiert in New Mexico und lebt in Kalifornien. Dieses Unterwegssein spiegelt sich auch in ihren Geschichten. Wir lernen die Autorin in verschiedenen prekären Situationen und Lebensumständen kennen. Sie ist allein erziehende Mutter, hat Probleme mit Alkohol. Sie ist Putzfrau, Lehrerin für Spanisch, Krankenschwester, Telefonistin in einer Abtreibungsklinik. Sie ist Ehefrau eines Junkies und eines Jazzmusikers und Mutter von vier Kindern. Sie leidet ihr Leben lang an Skoliose, als Kind musste sie ein Korsett tragen. Sie trinkt, es glückt ihr der Entzug. Sie begleitet ihre geliebte Schwester, die an Krebs erkrankt, in den Tod. Sie erzählt von jungen wohlhabenden Mädchen, die zur Abtreibung ins mexikanische Grenzland fahren.
Manche Figuren tauchen in mehreren Geschichten auf. Die Geschichten aus ihrem Leben sind weit mehr als bloße Autobiografie, sie sind allgemein gültig. Es entsteht ein großes Erzählmosaik. Manche Geschichten sind hart und traurig, aber nicht der Blick der Autorin auf die Menschen. Ihr Ventil ist das Lachen. Manche Geschichten und Figuren sind zum Brüllen komisch. Die Texte sind sehr genau komponiert. Manchmal genügt der Autorin ein Satz, um ein ganzes Universum zu eröffnen.
Eines der besten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe!!

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