2.9.16

Lettipark

von Judith Hermann

Von mir aus braucht Judith Hermann keine Romane zu schreiben. Ich liebe ihre Erzählungen und ich bin schon seit ihrem Erstling „Sommerhaus später“ ein absoluter Fan ihrer leicht schrägen Protagonisten. In 17 neuen Short-Stories erzählt die Bestseller-Autorin von Liebe und Tod, von alleinerziehenden Müttern mit kranken Kindern auf Jobsuche in der Sozialstation, vom Älterwerden, vom Weggehen und Zurückkommen. Besonders stark fand ich „Gedichte“, wo eine Tochter ihren psychisch kranken Vater besucht und mit ihm Pflaumenkuchen isst und „Kreuzungen“, wo Patricia und Vito überlegen, ob sie eine Anzeige gegen einen 16-jährigen Einbrecher erstatten und ob sie ein Haus kaufen sollen.

Mein Fazit:
„Die großen Geschichten spielen sich stets anderswo ab“, schreibt Felix Stephan in seiner Rezension für die „Zeit“. Das mag sein, tut meinem Lesevergnügen allerdings keinerlei Abbruch. Judith Hermanns Sprache ist ausgefeilt und klar, minimalistisch, die Stimmung oft hintergründig nostalgisch und melancholisch. Das Buch verlangt dem Leser so einiges an Konzentration ab und ist als Bettlektüre ungeeignet. Wer Ruhe und Muse hat, etwas auch zweimal zu lesen, wird einen literarischen Hochgenuss erleben. Ob Judith Hermann überschätzt ist oder nicht – pünktlich mit jedem neu erschienenen Werk taucht diese Diskussion wieder auf - , kann ich nicht beurteilen, ich schätze sie jedenfalls sehr, auch auf die Gefahr hin, dass ich sie überschätze.

Empfehlung:
Für literarisch interessierte, versierte Leser/innen

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