20.1.17

Als die Liebe endlich war

von Andrea Maria Schenkel

1938 verlässt die Familie Schwarz, Mutter Grete, Vater Erwin und die beiden Kinder Carl und Ida, die Heimatstadt Regensburg, um mit dem Schiff „Conte Biancamano“ von Genua aus nach Shanghai zu fahren, einer der wenigen Orte, wohin Juden zu dieser Zeit noch fliehen konnten. Bevor das Schiff ablegt, beschließt der Vater aber wieder umzukehren, da er zu stark mit seiner Heimat, für welche er auch im Ersten Weltkrieg gekämpft hat, verbunden ist. Er fühlt sich als Deutscher und glaubt, dass sich die Lage bald wieder beruhigen und ihm trotz jüdischer Abstammung nichts passieren wird. Zurück in Deutschland wird er aber bald nach Dachau deportiert. Auf dem Schiff schließen Grete, Carl und Ida Bekanntschaft mit dem Berliner Ehepaar Knoll und dem Wiener Egon. In Shanghai angekommen, sind sie Schikanen ausgesetzt und leben wie in einem Ghetto. Die Auswirkungen des Krieges sind auch hier zu spüren. Trotzdem gelingt es ihnen, sich nach und nach eine kleine Existenz aufzubauen. Nach dem Krieg gehen Grete und Ida zurück nach Deutschland, Carl hingegen begibt sich mit dem Ehepaar Knoll nach Amerika, wo er 1950 in Brooklyn Emmi, die Deutschland nach dem Krieg verlassen hat, kennen und lieben lernt. Diese Liebe wird ein Leben lang Bestand haben, und ihr Leben lang reden Carl und Emmi nicht über ihre Vergangenheit. Erst als eine Nachbarin Carl bittet, Unterlagen ihres verstorbenen Ehemannes, eines Holocaust-Überlenden, zu übersetzen, werden Erinnerungen wieder wach. Und als auch noch Beamte des Justizministeriums ihn zu Angaben seiner Frau befragen, stellt Carl Nachforschungen an und ahnt bald, welche Rolle Emmi unter den Nazis gespielt haben könnte.

Fazit:
Andrea Maria Schenkel kennen wir v. a. durch ihre Kriminalromane wie „Tannöd“, „Finsterau“, „Täuscher“. Mit ihrem neuen Roman präsentiert sie uns nun zwei verschiedene Emigrantengeschichten (die obige Beschreibung schildert der Kürze halber nur eine der zwei im Buch vorkommenden), welche am Ende zusammengeführt werden.
Der Schreibstil ist sehr angenehm, die ergreifende, spannende Geschichte leicht zu lesen. Die Figuren und Lebensmomente sind sehr detailreich ausgeführt, dadurch kann man sich gut in das Geschehen hineinversetzen. Das Ende lässt einen durchaus etwas nachdenklich zurück. Wie gut kennt man den Menschen, den man liebt, wirklich? Was, wenn ein entdecktes Geheimnis bzw. eine aufgedeckte Lebenslüge plötzlich ein ganz anderes Licht auf den geliebten Menschen wirft? Wie unendlich oder endlich kann Liebe sein?

Empfehlung:
Auf jeden Fall ein lesenswerter, spannender Unterhaltungsroman.
Keine klassische Liebesgeschichte (wie man es vom Titel her vielleicht erwarten könnte), eher ein Buch, welches jenen zu empfehlen ist, die historisch angelehnte Romane mögen.

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